Wie die Tracht aufs Land kam

Nicht nur der innviertler Blasmusikspieler ist öfter mal der Meinung, dass es sich bei den feschen Dirndl und hirschernen Lederhosen um jahrhundertealte Tradition handelt, die sich aus der bäuerlichen Kleidung des Mittelalters entwickelt hat und die es unbedingt zu bewahren gilt. Auch ich hab das gedacht. Bis ich zu recherchieren begann…

Die Tracht, so wie wir sie heute verstehen, also Dirndl und Lederhose, ist eigentlich eine ziemlich junge Angelegenheit und gerade mal ungefähr 150 Jahre alt. Zu verdanken haben wir sie zum großen Teil den Wittelsbachern, die die Tracht in dieser Form praktisch für ihre eigenen Zwecke erfanden – und die zuerst eine Mode der städtischen Bevölkerung war.

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Wie die Tracht aufs Land kam

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entstand die so genannte „Heimatkunstbewegung“, ein literarisches Grüppchen, das die Heimat, das Leben am Dorf und Bauernschaft idealisierte und als Alternative zur modernen, hektischen Zeit in der Stadt propergierte.

Das ist nichts verkehrtes an sich, wenn man heute in eine Trafik geht und die Anzahl an Landliebe-, Landlust-, Landküche-, Land…zeitschriften ansieht, ist das heutzutage ja auch nicht anders – jedoch muss man auch wissen, dass die Heimatkunstbewegung in ihrem Tun Teil des völkisch-nationalistischen Netzwerkes war und somit auch eine Wegbereiterin für die späteren Blut- und Boden Ideologien war. Der Bauer als „Träger der nationalen Volksgemeinschaft“ wurde zum Ideal erhoben und in den Städten folgte man gerne diesen Ideen.

Städter fuhren aufs Land, weil’s dort idyllisch war und schon bald trug man in den Städten die ersten Dirndl, die von der Arbeitskleidung am Land lediglich entfernt inspiriert waren. Wenn’s zur Landfrische ging, packten die Menschen natürlich ihr schickes neues Gewand in den Koffer und brachten damit die neusten Dirndln mit – ich fahr ja auch nicht mit den alten Lumpen auf Urlaub. Und was war mit den Leute am Land? Auch sie wollten modern und modisch gekleidet sein. Was kauften sie sich also? Richtig, Dirndl, weil die aus der Stadt trugen das ja jetzt ja auch alle.

Aber nicht nur Dirndl kamen quasi aus der anderen Richtung aufs Land, auch die Lederhosn war mitnichten etwas, was man ursprünglich unter der ländlichen Bevölkerung trug – das hätte sich nie jemand leisten können. Lederhosen waren ursprünglich die Jagdbekleidung der Adeligen. Auch hier war es wieder so, dass bei einem gewissen Wohlstand in Mode investiert wurde, und modern waren…. Lederhosen. Normal trug der Mann am Land eine Stoffhose und ein weites Hemd dazu. An Feiertage natürlich auch einen Anzug.

A propos Feiertag…

Das Hochzeitsdirndl

Was für das „normale“ Dirndl gilt, gilt natürlich auch genauso für das Festtagsdirndl, das meist bodenlang ist und in Oberösterreich oft mit einer Goldhaube*)  getragen wird. In so einem Festtagsdirndl wird natürlich auch gerne geheiratet, aber auch das ist eine Erfindung der jüngeren Vergangenheit.

Um 1900 heiratete man bei uns in der Regel in einem hochgeschlossenen schwarzen Kleid, wenngleich auch schon erste weiße Kleider aufkamen aber sicher nicht in einem Dirndl – so wie auch meine Urgroßeltern, die 1908 geheiratet haben und deren Hochzeitsfoto samt Brautschmuck heute bei mir im Vorraum steht:

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Auch stimmt es natürlich nicht, dass jeder Ort sein eigenes Dirndl oder eigenes Festtagsdirndl entwickelt hat – wie auch, wenn das Dirndl an sich einfach nur erfunden wurde.

Ja und was sagt jetzt d’Mosauerin zu dem?

Leute, die gerne Tracht tragen, dürfen das jetzt bitte nicht so verstehen, dass ich gegen Tracht wäre, nein überhaupst nicht!

Wer gerne Tracht trägt, soll das bitte gerne weiter tun, weils an schenan Hintan macht oder d’Wadln guat aussakemman oder warum auch immer und von mir aus können auch alle Städterinnen weiterhin ihre Heimatwerk Dirndl austragen auf irgendeiner Wiesn. Aber bitte ein wenig entspannt bleiben!

Ich wünsch mir einen differenzierteren Umgang mit Dirndl und Lederhosen und hätt einfach gerne, dass man Tracht nicht als althergebrachtes nicht-hinterfragbare Tradition wahrnimmt und als die einzig wahre, typische ländliche Kleidung betrachtet, sondern Tracht als das ansieht, was sie war und ist: ein modischer Ausdruck ihrer Zeit.

modische Grüße
d’mosauerin

 

 

*) A Propos Goldhauben

Oberösterreich is ja das Land der Goldhauben. Bei uns im Innviertel wird (glaub ich) die Linzer Goldhaube getragen. Wer eine besitzt und sie gerne tragen möchte, „darf“ das nicht einfach so tun – da gehört schon einiges beachtet. Was genau sagt uns die Goldhauben und Hammerherrenvereinigung Ostarichi.

Trachten, also auch Goldhaubentrachten, sind Trägerinnen aus der Herkunftsregion der Tracht vorbehalten. Sie werden ausschließlich zu hohen persönlichen, kirchlichen oder  weltlichen Festen getragen.
Goldhaubenträgerinnen treten vorzugsweise in der Gruppe auf.**) Es ist also wünschenswert, dass wenigstens drei bis vier Damen gemeinsam an einem Ereignis teilnehmen. Sie haben auf ein würdiges Verhalten zu achten, sich stimmig zum edlen Erscheinungsbild und dem Anlass entsprechend zu benehmen. Haube, Tracht und Beiwerk sollen in makellosem Zustand sein und ein harmonisches Ganzes (ohne Stilbruch) vermitteln.

Goldhauben und Hammerherrenvereinigung Ostarichi.

**) deswegen heißen sie bei uns auch gerne „Krampfaderngeschwader“ 😉 – zum würdigen Verhalten im nächsten Satz sag ich jetzt nix, mit sowas kenn ich mich nämlich nicht aus – sagt d’Mama.

 

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2 Kommentare zu „Wie die Tracht aufs Land kam

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