Über Gott und die Welt – 24 Stunden im Augustiner Chorherrenstift Reichersberg ( Teil 1: 09:00-20:00)

Wirklich alle Geschichten, die ich für euch im Auftrag vom Tourismusverband s’Innviertel erleben darf, sind richtig toll. Aber manchmal gibt es Begegnungen, die selbst die Mosauerin unvermutet tief beeindrucken. Ist es Zufall, ist es Schicksal, ist es Fügung? Darauf kommt’s eigentlich nicht an. Wichtig ist nur, es zu erkennen, einen Moment inne zu halten und den kostbaren Augenblick zu genießen.

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“I’m taking my ride with destiny
Willing to play my part
Living with painful memories
Loving with all my heart”

Queen, Made in Heaven

Egal ob oder an was ihr glaubt: es gibt bestimmt Orte, die durch ihre eigene Atmosphäre in der Lage sind, solche Begegnungen zu fördern. Eine Atmosphäre, die nicht nur durch die Räume und Mauern geprägt wird, sondern auch durch die Traditionen und das Wirken der Menschen, die dort leben und arbeiten. Ein solcher Ort ist für mich das Augustiner Chorherren Stift Reichersberg. Kennts ihr des, wenn ihr wo hinkommts, wo ihr noch nie wards und euch nicht eine Sekunde lang unwohl fühlts, sondern sofort irgendwie wie daheim? Genauso ging es mir im Stift, was mich wirklich erstaunt hat, weil so katholisch bin I gar net. Die letzten Male war ich auch „nur“ am Kunsthandwerksmarkt oder bei den Gartentagen dort, aber da gibt das Stift ja eher die Komparsin als den Star und man weiß nicht so recht, was die unbekannte Schöne im Hintergrund an den Tagen dazwischen erlebt. Es lag an mir, das in 24 Stunden herauszufinden…

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Mein erster Weg am Tag meiner Ankunft führte mich zu Karl, dem Verwaltungsdirektor und weil wir es mit Kirche zu tun haben, nennt man ihn den „Stiftsadjutor“ – ja Latein hülfe einem hier oft, ich kann aber keines. Mit ihm plante ich den Tag, der vor mir lag, wer mir bei welchem Thema weiterhelfen konnte und nebenbei versorgte er mich mit sämtlichen Infos und jeder Menge Mehlspeisen. Auch im Stift wissen sie anscheinend, was ein Mädchen glücklich macht.

Bald darauf übergab er mich dann aber auch schon in die Obhut von Propst Markus, der sich trotz seiner vielfältigen Verpflichtungen sehr viel Zeit für mich nahm. Mit ihm drehte ich eine Runde durch den Herrengarten (übrigens einer meiner Lieblingsplätze im Innviertel und immer einen Besuch wert), bei dem wir mit Themen wie „Verantwortung übernehmen“ und „Erwartungen anderer an einen selbst“ sehr rasch ziemlich direkt Meinungen austauschten. Ebenso durfte ein Rundgang über den Friedhof in Reichersberg nicht fehlen, in dessen Erde sämtliche Chorherren bis auf die Pröbste bestattet werden. Die dürfen in die Kirche.

Und bevor wir uns dann gemeinsam zu meinem Ersten Chorgebet überhaupt aufmachten, unternahmen wir noch einen Abstecher auf den Dachboden, weil man dort eine sehr geniale Aussicht auf den großen Hof des Stiftes hat. Zu Zeiten der Franzosenkriege diente der Dachboden als Lazarett, erzählte mir Propst Markus, was man an den weiß angemalten Balken noch erkennen könne. Stimmt, die sind weiß. Erkannt.

Mein allererstes Chorgebet

Punkt 11:30 treffen sich alle im Stift anwesenden Chorherren zum Chorgebet. Bei mir war es ja überhaupt das allererste, bei den Herren bereits das zweite des Tages. Jeder Mitbruder hat seinen eigenen Sitz, je älter oder ranghöher, desto weiter hinten sitzt man. Propst Markus setzte mich direkt zwischen ihn und Herrn Eberhard, dem ehemaligen Propst des Stiftes, in die letzte Reihe und kümmerte sich dann rührend darum, dass ich mich auch immer im Stundenbuch zurechtfand und genau wusste, was gerade gebetet wurde. Die Psalmen werden in einer Art Sprechgesang gelesen und genaugenommen rufen sich die Chorherren den Text wechselseitig zu. Da aber zu diesem Chorgebet am Mittag nur die näher an der Klausur sitzenden Herren anwesend waren, war es dieses Mal anders als sonst – so erklärte es mir Propst Markus später. Bei den beiden anderen Chorgebeten, die ich noch im Stift erleben durfte, saßen sich die Herren dann auch wirklich gegenüber und ich hatte eine Ahnung, was Propst Markus genau meinte, als er mir die Faszination des Chorgebetes zu erklären versuchte.

Die Chorgebete unterscheiden sich im Ablauf morgens, mittags und abends ein wenig voneinander, am Abend wird zum Beispiel auch gesungen. Die Tonlage des Gebets ist immer gleich und so fängt der Sprechgesang bald an, meditativ zu werden, auch wenn die Texte für Außenstehende wie mich durchaus befremdlich wirken können. Irgendwie kippt man in den Rhythmus aus Sprechgesang und vorgegebenen Atempausen hinein und schweift, obwohl die Augen am Text sind, in eine eigene Gedankenwelt ab. Erstaunlich, wie schnell so eine halbe Stunde vergehen kann. Da hatte ich schon Besprechungen, die sich mehr gezogen haben.

Nach dem Chorgebet geht es für die Herren ab in die Klausur zum Essen. Für die Mosauerin aber nicht, denn in die Klausur dürfen neben den Chorherren nur die allernotwendigsten Menschen hinein. Und so notwendig ist dann eine Innviertler Bloggerin auch wieder nicht 😉

Tipp: Wer eines der Chorgebet miterleben möchte kann das Voranmeldung tun. Die Termine sind auf der Homepage des Stiftes zu finden.  

Was tut ein Chorherr?

Nach dem Essen gehen die Herren wieder ihren Aufgaben nach, viele auch außer Haus, denn die Chorherren sind keine Mönche, sondern Priester und als solche ist ihre Hauptaufgabe die Seelsorge – das Stift Reichersberg betreut mit 19 Chorherren neun Pfarrgemeinden in Oberösterreich und neun in Niederösterreich. Wobei von diesen 19 Chorherren bereits einige in Pension oder noch nicht Priester sind. Aber sogar Herr Roman feiert mit seinen 94 Jahren immer noch Messen, fährt aber mittlerweile nicht mehr selbst mit dem Auto hin. Auch Herr Eberhard liest regelmäßig Messen und das mit 84. Herr Michael (85) hat eine ganz besondere Leidenschaft und betreut die neue Bibliothek, die er in den letzten Jahren nach seiner Pensionierung auch aufgebaut hat. Herr Thomas (64) macht Führungen im Stift und so sind alle gut beschäftigt. Aktiv bis ins hohe Alter ist in Reichersberg kein leerer Spruch. Solange es irgendwie geht, bringt sich jeder in die Gemeinschaft ein und übernimmt Aufgaben.

Im Klosterladen

Während die Herren am Nachmittag also ihren Verpflichtungen  nachgingen, suchte ich mir auch eine Aufgabe und hey, was kann ich besonders gut: das Mädchenprogramm – Shopping. Also besuchte ich Barbara im Klosterladen und ließ mir das umfangreiche Sortiment an Weinen, Schnäpsen, Devotionalien und Büchern erklären. Außer den Devotionalien war dann auch keine besonders unbekannte Warengruppe für mich dabei.

Dabei lernte ich natürlich auch im Klosterladen etwas: nicht nur, dass die Chorherren Weinbauflächen besitzen und so ihren eigenen Wein herstellen (lassen) sondern auch, dass man nicht einfach jeden beliebigen Wein als Messwein verwenden darf. Nein, der muss nämlich vom jeweiligen Bischof genehmigt sein und ein dementsprechendes Zertifikat besitzen. Ob es aber einen hauptberuflichen Messweinkontrolleur in der Diözese gibt, konnte mir dann aber auch keiner beantworten. Das wär ja mal ein Job, oder?

Im Klosterladen gibt’s eine Menge Bücher und daher viel zu schmökern und so hätte ich fast mein nächstes „Date“ verschwitzt. Ich war zur Stiftsführung mit Herrn Thomas verabredet.

Stiftsführung mit Herrn Thomas

Herr Thomas, ursprünglich aus dem Schwabenland (ich steh ja ziemlich auf diesen Dialekt), erwartete mich bereits vor der Stiftskirche wo die Führung auch normal beginnt und in einem ungefähr eine Stunde lang dauernden Rundgang einen Einblick in die Geschichte des Stiftes gibt.

Dass die Kirche in Reichersberg schön ist, davon kann sich jeder bei einem individuellen Besuch überzeugen. Mir geht’s dann meist so, wenn ich in historischen Gebäuden stehe, dass ich mir denke: „Mei, das muss a Arbeit gewesen sein.“ Aber dass das oft alles eine Bedeutung auch hat und sich wer was dabei gedacht hat, als er das hergestellt hat, an das denk ich nicht allzu oft. Und ich hab auch kaum Ahnung von Kirchen- oder Kunstsymbolik – oder wusstet Ihr, dass der heilige Ambrosius mit einem Bienenkorb dargestellt wird, aber nicht weil er Imker war sondern weil er „wie Honig sprechen konnte“ und so die Menschen überzeugte? Eben, ich auch nicht.

Für solche Menschen wie mich gibt es also Führungen – bei denen bekommt man nicht nur erklärt, warum die Typen in dem Fresko alle weiß angezogen sind und nur einer was schwarzes trägt, was die Schandmaske darstellt und wofür sie verwendet wurde oder für welche Schmerzen die heilige Apolonia zuständig ist. Gut letzteres könnte man auch googlen aber wenn man’s schon so begeistert erzählt bekommt, sollte man die Chance nutzen. Man kommt bei einer Führung aber auch in Räume, die man so nicht besichtigen kann. Wie zum Beispiel die große Bibliothek, das Sommerrefektorium, das Brunnenzimmer oder den Kreuzgang.

Tipp: Jeden Mittwoch und Sonntag kann man auch als Einzelperson eine Stiftsführung machen, Gruppen ab 10 Personen können auch einen individuellen Termin vereinbaren.

Raus in die Gemeinde!

Einen mini-kleinen Einblick in das Leben als Seelsorger konnte ich dann am Abend erhalten, als ich mit Propst Markus nach Mörschwang zur Abendmesse fuhr und im Anschluss dann auch noch ein bissi beim Pfarrgemeinderat dabei sein durfte. Nicht lange allerdings, denn natürlich hatte ich am Abend auch noch ein weiteres Date – ich wollte ja meine 24 Stunden wirklich ausnutzen – dieses Mal mit einem entzückenden 84 jährigen, mit Herrn Eberhard. Und so machte ich mich um kurz vor acht wieder auf den Rückweg, verfehlte ein Reh, das die Straße kreuzte, um einen Wimpernschlag und war pünktlich um Acht vor dem „Gesprächszimmer“ im Stift Reichersberg und Herr Eberhard wartete schon auf mich. Denn wir wollten uns über Gott und die Welt unterhalten…

Aber was Herr Eberhard und ich dabei besprochen haben, welche Peinlichkeiten mir im Stift passiert sind, was Chorherren privat so tun, was sie gerne essen und wie Weihnachten im Stift abläuft, das verrate ich euch dann das nächste mal, sonst wird das hier nämlich zu lange – ja es tut sich halt viel in 24 Stunden.

Und ein Video gibt’s dann aber auch!


Tipps:

Link zu den Augustiner Chorherren Reichersberg

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