Über Gott und die Welt – 24 Stunden im Augustiner Chorherrenstift Reichersberg ( Teil 2: 20:00-10:00)

 

Ihr erinnert Euch, die Mosauerin war im Stift Reichersberg zu Gast und wir sind da stehen geblieben, als Herr Eberhard vor dem Gesprächszimmer auf mich gewartet hat, damit ich mich mit ihm im wahrsten Sinne des Wortes über Gott und die Welt unterhalten konnte. Heute geht’s da weiter und außerdem gibt’s noch einen Einblick in die Küche, das Stiftsleben und 3 peinliche Momente. Und ein Video, wenn ihr brav seids.

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“I’m playing my role in history
Looking to find my goal
Taking in all this misery
But giving it all my soul”

Queen, Made in Heaven

Gespräche über Gott und die Welt

Seit 10 März 1955 ist Herr Eberhard ein Augustiner Chorherr. Der gebürtige Niederösterreicher, der sein Herz an die Innviertler verloren hat, nahm sich am Abend eineinhalb Stunden Zeit, um sich mit mir im wahrsten Sinne des Wortes über Gott und die Welt zu unterhalten – und das, obwohl der ehemalige Propst am nächsten Tag um 7:00 morgens bereits wieder eine Messe in Ried halten musste. Aus meinen Fragen über das Leben im Stift und wie es ist, sich zu etwas berufen zu fühlen entwickelte sich rasch ein ganz besonderes, offenes und ehrliches Gespräch. Natürlich ging es um das Zusammenleben im Stift als Gemeinschaft und so profane Dinge wie: „Was macht ein Chorherr am Abend“ oder passend zur Jahreszeit: „Wie rennt Weihnachten im Stift ab“.

Aber wir wagten uns auch an tiefgründige Themen wie die persönlichen Voraussetzungen, die man für so ein Leben als Chorherr neben einer guten Portion Glauben und Gottvertrauen mitbringen sollte, den Umgang mit dem Tod, das Leben und seine unerwarteten Wendungen und Lernmöglichkeiten, wir redeten über die Einsamkeit und natürlich über… die Liebe.

Es erstaunt euch ja vielleicht nicht, dass auch Menschen, die sich für ein Leben im Konvent entscheiden, vorher ein anderes Leben hatten, man vergisst das nur oft. Also ich halt. Dass auch die mal verliebt waren, oder sich auch als Priester mal in jemanden „vergucken“, einen ganz anderen Beruf hatten und eigentlich irgendwie gar nicht so weltfremd sind, wie ich mir das immer vorstelle und wie es anzunehmen wäre. Vielleicht kommt das aber auch ein wenig daher, dass die Chorherren auch viel in „die Welt hinaus“ kommen, das „Leben draußen“ ihnen nicht ganz fremd ist und vielleicht weil sie auch so irdischen Hobbies wie Tarockieren, Fußball oder Briefmarkensammeln frönen. Herr Eberhard tanzt auch für sein Leben gerne, was ihn mir gleich nochmal sympathischer macht, als er mir mit seinem herzlichen Lachen ohnehin schon ist.

Abends im Stift

Spannend, dass sich das Leben im Stift am Abend gar nicht so anders abläuft als bei der Mosauerin daheim – ok, vielleicht mal abgesehen vom Beten: Wenn die Chorherren in der Seelsorge noch aktiv sind, sind sie natürlich oft auch am Abend unterwegs oder mit Vorbereitungsarbeiten beschäftigt, aber die „Pensionisten“ können weitgehend den Abend für sich nutzen. Im Stift gibt es zwei Fernseher und Herr Eberhard hat mir verraten, dass auf einem fast immer Sport läuft. Den sucht er dann auf. Herr Eberhard ist nämlich leidenschaftlicher Red Bull Salzburg und Dortmund Fan. Oder die Herren gehen eben ihren vielfältigen Hobbies nach. Da es aber am nächsten Tag schon wieder um 6:30 mit dem Chorgebet losgeht oder Frühmessen zu lesen sind, ist der große Halligalli im Konvent dann doch eher selten.

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Weihnachten im Stift

Zu Weihnachten wird im Refektorium, das ist der Speisesaal in einem Kloster allgemein, ein Christbaum aufgestellt. Um ca. 18:00 treffen sich die Chorherren zur Bescherung. Früher, so erzählte mir Herr Eberhard, wurden im dunklen Gang auch Weihnachtslieder gesungen, „das war direkt entrisch“. Der Propst liest dann aus dem Weihnachtsevangelium und hält eine Ansprache. An Geschenken gibt es nicht viel, einfache Dinge werden untereinander verschenkt. Im Anschluss an die Bescherung gibt’s auch bei den Chorherren Mettenwürscht und dann geht es für die aktiven Herren auch schon raus in die Gemeinden zu den Metten oder zum Beichten. Die älteren genießen das jetzt schon, dass sie zu Weihnachten nicht mehr so viel zu tun haben, denn für die Aktiven ist die gesamte Weihnachtszeit sehr stressig. Nach den Feiertagen geht es für einige Chorherren ein paar Tage in den Urlaub, viele besuchen dabei dann ihre Familien.

Die Zeit verging für mich wie im Fluge und ich hätte noch Stunden weiterreden können, hab aber auf Herrn Eberhard Rücksicht genommen und ihn dann um halb zehn gehen lassen. Aber ich war eh von den ganzen Eindrücken so fix und fertig, dass ich um zehn bereits im Bett lag und eingeschlafen bin, bevor mein Kopf den Polster berührt hat. Was auch gut so war, denn am nächsten Tag war um 5:45 bereits wieder Tagwache für mich. Um 06:30 war nämlich wieder Chorgebet (Laudes) und um 7:00 dann gleich Konvent- und Gemeindemesse zu der tatsächlich Menschen kommen. Hätt ich auch nicht gedacht.

Das Küchengespräch

Nach dem morgendlichen Chorgebet, der Messe im Anschluss und meinem reichhaltigen Frühstück folgte ich einem besonders gutem Geruch: mmmhhh Gulasch.

Weil die Andrea, von der mir Herr Eberhard am Vorabend schon ausgiebig vorgeschwärmt hat („Wir haben zwei so exzellente Köchinnen“ „Die Andrea schaut schon sehr gut auf uns“), gerade mit dem Zubereiten des Mittagessens in der kleinen Küche im Refektorium beschäftigt war, durfte ich –große Ausnahme (!) – dort mit ihr reden. Denn das ist in der Klausur, und da dürfen Externe nur in seltenen Fällen hinein.

 

Die Küche ist ja in jedem Haushalt, den ich kenne, der Raum wo sich alle irgendwann treffen und so verwundert es mich nicht, dass es bei den Chorherren in Reichersberg auch so ist und nicht nur das Kochen sondern auch die soziale Komponente so wichtig für das Leben dort ist. Die älteren Herren sind sehr glücklich, dass jemand da ist und sich um sie kümmert, ihnen bei Kleinigkeiten mal hilft (z.B. ein Marmeladeglas aufmachen – wie dem Herr Thomas, während ich da war) oder einfach wer zum Reden da ist. Und manchmal schauen sie einfach nur herein und tratschen ein bisschen mit Andrea oder ihrer Kollegin, die da ist, wenn sie nicht da ist. Wenn jemand krank wird, wird er natürlich mit Tee versorgt und ein bisschen betüdelt, damit er schnell wieder fit ist. Und wenn einer der Herren mit WhatsApp ein Problem hat, dann geht er eben auch zu Andrea in die Küche und lässt sich schulen, wie gerade Herr Roman (94, seit neuestem Besitzer eines iPads).

„Nebenbei“ versorgt Andrea die Chorherren aber natürlich auch mit guter Hausmannskost, denn darauf stehen sie. Vorwiegend mögen sie alte Rezepte von Beuschel bis Zunge, aber zwischendurch darf es auch mal was Modernes sein und Andrea gibt ihnen eine Auszeichnung: „Sie sind total unkompliziert“. Wenn sie erzählt, was sie alles kocht, merkt man direkt wie ihr ihre Herren ans Herz gewachsen sind und dass das für sie mehr als ein Job ist, was sie dort tut.

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Was essen Chorherren?

Montag gibt’s etwas weniger schweres wie Nudeln, Dienstag Fleisch, Mittwoch Vegetarisches, Donnerstag Fleisch und Freitag immer fleischlos, meist eine Mehlspeise. Am Samstag ist der „Zammräumtag“ also Resteverwertung. Sonntags, Feiertags, an Geburts- oder Namenstagen oder bei einem Hochfest gibt’s drei Gänge, ansonsten Suppe und Hauptspeise. Wenn jemand Geburtstag oder Namenstag hat, darf er das Gericht für alle aussuchen. „Manchmal gibt es dann Rinderfilet oder Tafelspitz, das lieben sie, aber manche wünschen sich einfach auch nur Linseneintopf oder Spaghetti Bolognese“ plaudert Andrea ein kleines Küchengeheimnis aus.

Besonders wichtig ist den Herren beim Kochen, dass saisonal und regional eingekauft wird – auch für den Einkauf ist Andrea zuständig – aber auch das gesamte Fleisch, das auf den Tisch kommt, stammt von Bio Bauern. Und das müssen jetzt auch nicht Katholen zugeben, dass das ziemlich cool ist. Oder?

Wenn es auch so ist, als würde Andrea eine Familie versorgen – zurzeit kauft und kocht sie für 10 Herren, die dauerhaft im Stift leben – einen gravierenden Unterschied gibt es schon: sie ist beim Essen nie dabei. Obwohl die Chorherren sich bereits sehr geöffnet haben, trägt Andrea lediglich die Suppe auf und stellt die Hauptspeise auf den Tisch, dann muss sie gehen. Denn während des Essens darf sie nicht dabei sein. Auf der anderen Seite braucht sie so aber auch nie das Geschirr wegräumen oder die Reste zusammenstellen, denn das erledigen dann die Herren selbst – der Geschirrspüler wird eingeräumt, die Essenreste kommen in den Speiseaufzug, der in die große Küche fährt. Und auch das Abendessen (Kalte Platte oder Toast oder Würstel oder ähnliches) richten sich die Herren selbst her.

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Achte auf deine Worte und Taten, Mosauerin!

Gut, der Spruch geht erstens anders und ist zweitens aus dem Talmud, aber natürlich sind mir auch wieder mal ein paar Missgeschicke passiert – klar, ich war ja auch 24 Stunden dort – eigentlich ein Wunder (!), dass es nicht viel mehr waren. Hier meine drei Highlights (zumindest von denen an die ich mich erinnern kann). Damit ihr wieder mal was zum Lachen habts über mich:

1)    Im Gespräch mit Propst Markus gleich nach 10 Minuten „Teufel noch eins“ gesagt. Super Mosauerin. Das sag ich sonst wirklich NIE. Wir haben recht gelacht.

2)    Mit Herrn Eberhard über Weihnachten im Stift gesprochen und seine Erzählung über den Stress vor Weihnachten kommentiert mit: „Vor Weihnachten ist bei Euch aber auch die Hölle los“. Wir haben noch mehr gelacht, denn Herr Eberhard hat mir zugestimmt.

3)    Mit Propst Markus ratschend die Stiegen in den ersten Stock hinaufgegangen, nicht aufgepasst, meinen Zimmerschlüssel in die Türe gesteckt und mich gewundert wieso der nicht sperrt. Mir vom grinsenden Propst Markus anhören können: „Ja, weil du gerade versuchst, in meine Wohnung zu kommen.“ Mosauerin: 12 Points.

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24 Stunden später

Wer jetzt nachgerechnet hat, kann anhand der Uhrzeiten feststellen, dass ich ein bisschen geschummelt habe. Denn eigentlich war ich gar keine 24 Stunden im Stift, sondern 25 – aber nachdem wir am ersten Tag Mittag außerhalb gegessen haben, habe ich mir gedacht, dass das schon so passt. Verratets mich halt nicht ok? 😉 Für die die brav durchgehalten haben bis hier her hab ich noch ein kleines Video parat, mit dem ich hoffe, dass ich Euch die Stimmung im Stift ein wenig näher bringen kann.

 

Mein Besuch bei den Chorherren in Reichersberg hat mich tiefer berührt, als ich mir das erwartet habe – und ich es mir wahrscheinlich überhaupt selbst eingestehe. Ich kann mit vielen Ansichten und Werten die ich kennenlernen durfte, sehr gut mit, aber auch mit vielen nicht. Spannend find ich aber, Teilbereiche der Welt und des Lebens mal so durch eine „religiöse Brille“ zu betrachten, weil das doch noch mal eine komplett andere Sicht auf Dinge geben kann. Man vergibt sich dabei nichts und muss es ja dann für sich selbst nicht annehmen.

Ich mach das normalerweise nicht so explizit, dass ich mich bei allen bedanke, aber ich bin von ALLEN in Reichersberg so herzlich aufgenommen worden und hab mich von Beginn an so Willkommen gefühlt, dass mich das wirklich ein bissi überwältigt hat. Danke für die spannenden kleinen Einblicke in eine Welt, die mir sehr fremd war, für die vielen schönen Momente, Aha-Erlebnisse und ganz besonders für die ausführlichen und tiefsinnigen Gespräche und Gedanken. Ach und überhaupt einfach für alles.

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Tipps:

Link zu den Augustiner Chorherren Reichersberg

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