Eigentlich wollte ich diese Woche ja über gans was anderes schreiben, aber selbst im Schönen Landleben ist halt auch nicht immer alles eitel Wonne Sonnenschein. Manchmal muss man Abschied nehmen von Tieren, und wenn ich eine persönliche Beziehung über all die Jahre mit ihnen aufgebaut habe, fällt mir das besonders schwer. Diese Woche musste ich mich von meiner Lieblingsgans „Oma“ verabschieden. Das ist ihre Geschichte.
Mit mir hier auf dem Mosauerhof leben ja nicht nur Hühner, Laufenten und Muzis, sondern auch eine Gruppe Gänse. Schon seit ich hier bin, gibt es diese Gänsegruppe. Nicht alle waren schon da, als ich 2014 hierher kam, eine ganz besondere Gans aber schon. Sie war mit Abstand die älteste meiner Truppe, denn SIE wohnte schon lange hier, als ich einzog. Und war damals schon kein Jungspund mehr. Alle anderen Gänse sind mittlerweile 12 Jahre alt und top fit. Sie war entschieden älter – mindestens 14, wahrscheinlich aber eher 20 Jahre alt, wenn nicht sogar älter. Ihr Name war daher „die Oma“.

Oma war – schon aufgrund ihres Altersvorsprungs – nie die flotteste der Gruppe und so war sie bei Ortswechsel nie vorne dabei, sondern watschelte immer gemütlich hinter den anderen Gänsen her. Nicht nur einmal sind wir beim abendlichen heimgehen daher gemeinsam hinter der Gänsegruppe nach gewackelt und weil sie nie mit Menschen schlechte Erfahrungen gemacht hatte, störte sie das auch nicht großartig mit mir nahe beieinander zu gehen. Ich störte sie nicht. 1/2 Meter war allerdings der Mindestabstand, den sie von mir verlangte. Berühren, Streicheln oder gar kuscheln ging gar nicht – was auch so sein soll, denn Gänse sind Fluchttiere und Menschenbezogenheit ist nicht artgerecht. 1/2 Meter an sie rangehen zu dürfen ohne Panikreaktionen auszulösen war ein besonderes Privileg, das ich bei Oma (und bei keiner anderen Gans) genoss.

Untertags auf der Weide schlief sie immer viel, sodass sie es oft verpasste, wenn die Gruppe weiterzog. Nicht nur einmal hab ich sie daher im Finsteren auf den Feldern gesucht, weil sie nicht mit den anderen Gänsen mit nach Hause gekommen ist oder alleine auf der Weide stand und nach ihren Freunden rief. Dabei war ihr Ruf besonders charakteristisch: es war ein sonores GAA GAA – allerdings eine Oktave tiefer als alle meine anderen Gänse. So war sie auch akustisch immer gut zu erkennen. Wenn ich daran denke, dass ich nie wieder besorgt am Abend fragen werde: „Wo ist denn die Oma“ oder dass ich nie wieder meine Gänsegruppe bis 7 durchzählen werde, wenn ich sie in der Ferne erspähe, um sicher zu gehen, dass alle da sind, wird mir ganz schwer ums Herz.

Gänse gehen Beziehungen fürs Leben ein. Und wenn ein Partner stirbt, dann bleibt der andere meistens alleine, verpartnert sich also dann nicht mehr. So war es auch bei Oma. Ihr Mann – „Cheffe“ – starb bereits 2018 eines natürlichen Todes und seit dem war sie Witwe. Sie war in der Gänsegruppe nie besonders hoch in der Hierarchie, aber sie war akzeptiert und integriert. Ihr reichte es, wenn sie in der Nähe der anderen sein konnte, aber immer auch mit ein wenig Abstand, alles im Auge behaltend. Ihre Angewohnheit immer auf der Brücke zur Insel im Teich zu schlafen, die sie mit ihrem Mann begonnen hatte, behielt sie so lange bei, wie ich sie auf der Insel schlafen ließ.

Die beweglichste war sie schon seit langem nicht mehr, und das Baden im Teich wurde immer beschwerlicher. Also besorgte ich den Gänsen einen kleinen Miniteich zum Baden auf der Weide, und für Oma eine Duschtasse, in die sie bequem ein und aussteigen konnte. Wie sie das immer genossen hat und wie sehr sie sich gut gepflegt hat, war erstaunlich.
So richtig intensiv wurde unsere Beziehung aber im Juli 2025, als ich beobachtete, dass sie ungewöhnlich lange sitzen blieb, wenn ich mich näherte. Normal steht selbst so eine gutmütige und an Menschen gewöhnte Gans wie Oma auf und geht gemächlich davon, wenn man sich auf Armlänge nähert. Zuerst schob ich’s aufs Alter und die Tagesverfassung, am nächsten Tag auf der Weide war es wieder so – und ich sah Fliegen rund um ihren Hintern. Und sowas heißt nie was gutes. Also „überfiel“ ich sie und schnappte mir Oma um sie zu begutachten. Was ich fand war: eine durch ein Abszess explodierte Bürzeldrüse, am Rand schon mit Fliegenlarven verschmutzt! Natürlich hab ich sofort reagiert, Oma geschnappt und die Wunde mit einem starken Wasserstahl gereinigt, alle Larven weggespült. Eine grausliche Angelegenheit, aber notwendig. Was folgte waren Monate (!) an täglicher Wundversorgung, Fortschritte, Rückschritte, Experimente, denn es ist schon schwer einen Tierarzt zu finden, der Hühner behandelt, bei Gänsen ist es fast unmöglich.
Täglich fing ich also Oma ein, die sich – ganz ihrer Natur entsprechend – heftigst dagegen wehrte und mich mit blauen Flecken an Ober- und Unterarmen durch Bisse ihres kräftigen Schnabels bestrafte. Hatte ich sie aber eingefangen und sie vor mir am Tisch sitzen, war sie die bravste überhaupt. Schon bald hatten wir die Technik heraußen wie es am Besten mit uns zwei funktionierte und natürlich gabs oft auch Leckerlies in Form von eingeweichtem Weißbrot. Manchmal, wenn ich sie so im Arm hatte und ihre gänsischen Beruhigungslaute („Pfff Pfff“) nachmachte, schlief sie sogar in meinen Armen ein. Momente, die ich nie vergessen werde.
So vergingen die Wochen und Monate die uns einander näher brachten und Omas Vertrauen in mich verstärkten. An denen wir aber auch mit allen möglichen Antibiotikasalben herumexperimentierten, alles ohne durchschlagenden Erfolg. Bis ich noch eine einzige Salbe hatte. Wenn die nicht wirken würde, müsste ich die Behandlung einstellen. Und was für ein Glück wir hatten! Es war der volle Gamechanger, innerhalb von 2 Wochen war die Wunde komplett zu und Oma wieder fit wie ein Turnschuh. Was sie sichtlich genoss. Endlich wieder mit den anderen ohne Schmerzen auf die Weide, Flugturbo inklusive.
Ein Problem blieb allerdings: Durch ihre kaputte Bürzeldrüse konnte sich Oma nicht mehr mit Bürzelfett einreiben, war also nicht mehr Wasserdicht. Schon im Sommer habe ich daher die ganze Gänsegruppe von ihrer Übernachtungsinsel weg in den alten Rossstall verlegt, damit Oma vor Nässe geschützt übernachten konnte. Gänse sind ja eigentlich ganz Jahres-draußen-Schläfer.
Aber Oma durfte auch untertags nicht nass werden, also hieß das für mich dauernde Wetterbeobachtung und Oma rechtzeitig in den Stall bringen. Und wenn ich es übersehen hatte und Oma nass wurde: stundenlanges Trockenföhnen. Sie mochte das sehr und von Mindestabstand war schon lange keine Rede mehr. Meine Berührungen, das Abtrocknen mit dem Handtuch, das durch die Federn zupfen, all das ließ sie zu.
Aber Dauerlösung war das natürlich keine. Meine Idee war daher: Bürzelfett ersetzen. Nur durch was? Wollfett – verklebt die Federn zu stark und sie saugen sich noch mehr an. Eine Mischung aus Wachsen und Ölen? Selbes Problem. Bis ich auf CDC Öl stieß. CDC steht für Cul de canard (Federn vom Entenhintern) und ist ein Öl, das Fliegenfischer zum Fischen verwenden. Das zu bekommen: eine Herausforderung – und was ist da überhaupt drinnen?
Ich besorgte mir so ein Öl und schrieb den Hersteller in den USA an, schilderte ihm meine Problem mit meiner Oma und fragte welche Inhaltsstoffe verwendet werden. Prompt bekam ich eine sehr liebe Antwort, denn er würde das total verstehen, er habe nämlich auch lauter alte Hühner und er gab mir den Tipp, ich solle mich am Besten direkt an seinen Hersteller des reinen CDC Fettes in Frankreich wenden, er mische nämlich noch andere Dinge bei.
Gesagt getan, auch in Frankreich fand man meine Anfrage „trés original“ aber man verkaufte mir eine Dose CDC Fett, das ich fortan Oma nach dem Föhnen ins Gefieder schmierte und immer an die Bürzelfedern auch etwas, damit sie es selbst verteilte. Ganz „dicht“ bekam ich Oma damit nicht mehr, da hätten wir wohl noch mehr Zeit miteinander gebraucht. Aber das Föhnen, das sie sichtlich genoss, ging damit wesentlich rascher. Zum Leidwesen von Oma.
Regelmäßig bekam Oma selbst im Winter ihre Badetage mit anschließendem Föhn- und CDC Ritual – auch wenn sie bei Schneelage nicht mehr gerne den Stall verließ. Klar, sie war nicht mehr so gut zu Fuß und das weiße Zeug war rutschig und kalt. Ich begann Oma herumzutragen, wenn ich sie wohin bugsieren wollte. Sie wehrte sich zwar immer, aber ich glaube in Wahrheit fand sie es großartig nicht im Schnee stapfen zu müssen.
Ende Jänner, es war schon seit Dezember nicht über Null grad, Gras gab es nirgendwo ordentlich zum Zupfen, wollte sie dann nicht mehr rausgehen. Blieb im Stall. Saß auf den Eiern die andere gelegt haben oder unter ihrer Wärmelampe. Und der Appetit wurde weniger. Vorher war sie bei der Rückkehr in den Stall immer die erste am Futter und beim morgendlichen Rausgehen nahm sie immer noch kurz Futter und Wasser bevor sie den anderen nach watschelte. Dann wurde das immer weniger.
Wir probierten Haferflocken, Haferflocken püriert, für die Rohfaser hab ich sogar Graspellets für sie besorgt, nichts war von dauerndem Erfolg. Nur eingeweichtes Knödelbrot mochte sie wirklich. Und so habe ich wieder begonnen herumzuprobieren, ohne die Ursache ihres Zustandes zu kennen – ein Tumor, eine Entzündung, die wieder aufgeflammte Bürzeldrüsensache nur innerlich? Ich hatte keine Ahnung. Und so verbrachte ich die letzten Wochen viel damit, mir immer wieder neue Möglichkeiten aus den Fingern zu ziehen. Schmerzmittel half, dann wieder nicht, dann wieder schon. Es war ein hin und her.
Oma fraß mal mehr, mal weniger. Zwischendurch guten Appetit, dann wieder gar nicht. Gras wurde gefressen, dann wieder nicht. Dann nur wenn die anderen dabei waren, dann wenn sie alleine war. Im Stall trennte ich ihr einen Bereich ab, mit Wärmelampe und meinen Futtervorschlägen rundherum. Aber alles in allem wurde Oma immer schwächer, aber wehe ich kam ihr mit Medikamenten – wo die mit so wenig Nahrung so viel Kraft hernahm, ist mir ein Rätsel. Und dann kam plötzlich ein Aufbäumen: Sie hatte super Appetit und Energie. Für einen Tag dachte ich, es geht jetzt wirklich bergauf. Wir waren sogar gemeinsam im Blumengarten, wo sie fleißig Gras gezupft hat und schon zum Frühstück spachtelte sie enorme Mengen Knödelbrot.
Aber so schnell wie es bergauf gegangen war, ging es am nächsten Tag bergab. Steil. Es ging gar nichts mehr. Nicht mal mit Schmerzmittel. Ich packte sie also unter ihre Wärmelampe, versuchte sie zu füttern, aber sie wollte einfach nicht mehr. Wie es ihre Art war, hat sie sich aber mit Kraft gewehrt. Jeden Morgen war es eine Überwindung für mich in den Gänsestall zu gehen, weil ich immer in der Erwartung war, dass sie die Nacht nicht überstanden hätte – drei Tage lang. Am letzten Abend war sie noch so klar, dass sie selbständig getrunken hat. Wenig aber doch. In der Befürchtung, dass sie diese Nacht auf keinen Fall mehr überstehen würde, wünschte ich ihr – und den anderen Gänsen – wie jeden Abend: „Gute Nacht, Wullis!“ Schweren Herzens, aber mit der Gewissheit, dass sie so von ihrer sozialen Gruppe Abschied nehmen und in der Vertrautheit ihrer Familie gehen konnte. Aber Oma hatte andere Pläne.
Sie wartete auf mich.
Oma ging, so wie sie war. Langsam, sanft, und in dem Tempo, das sie vorgab. An einem kalten Februar Nachmittag genau als die Sonne herauskam. Nach einem unfassbar langen, freien und selbstbestimmten Gänseleben.
♡ Gute Nacht, Wulli – Schlaf gut, meine kleine Oma♡

