Das Wunder von Mittelweihnachten

Dezember 2024

Worauf es Weihnachten wirklich ankommt…


MIttelweihnachten

Alle Jahre wieder, irgendwann zwischen „Wir schenken uns heuer nichts“ und „Ich kann keine Kekserl mehr sehen“, lauert auf uns dieses unausweichliche Ritual: Der Christbaumkauf. Es klingt so harmlos, so gemütlich. Weil uns Hollywood mit diesen ganzen Vorweihnachtlichen Weichspülfilmen das so einredet. In Wahrheit ist es ein emotionaler Kraftakt, der irgendwo zwischen Paartherapie, beinharten Verhandlungen und absurdem Theater liegt.

Es beginnt mit einer Mischung aus falscher Vorfreude und echter Überraschung. „Fahren wir halt jetzt gleich, dann haben wir’s hinter uns“, schlägt der Meinige, dessen Antwort auf sonst alles „aber das machen wir morgen“ ist, für mich vollkommen überraschend vor. Ich schaue an mir hinunter. Pyjamahose. Dicke Wollsocken. Die Kaffeetasse halbvoll in der Hand und insgesamt etwas schwerfällig wegen meines morgendlichen Streifzugs durch die Keksdose. Ich murmle „In God’s Nam“ und schmeiß mich in ein G‘wand, während der Meinige bereits ungeduldig im Auto sitzt und vor sich hin motschgat, wo ich denn bleibe. Weihnachten, das Fest der Liebe. Läuft.

In trauter aber schweigender Zweisamkeit am Verkaufsstand angekommen, verheddern wir uns mit traumwandlerischer Routine in die immer gleichen Gespräche, die viel mehr grundlegende Prinzipien verhandeln als dass sie den eigentlichen Christbaum betreffen:

„Wir nehmen jedes Jahr eine Fichte – Tradition ist Tradition!“ „Eine Nordmanntanne hält länger, die nadelt nicht!“ „Net der, der ist ja schief!“ „Wo ist denn der bitte schief?“ „Er darf nicht zu dicht sein, sonst sieht man von den Kugel ja nix“ „Wenn er so kahl ist, sehen die Lichterketten aus wie Starkstromleitungen!“ „Wir nehmen heuer einen kleinen, gell? Ich mag nicht wieder so ein Monsterding.“ „Sicher keinen kleinen! Ein Baum muss bis zur Decke gehen.“ Und: „Vergiss nicht, dass der Baum IMMER größer aussieht, wenn er im Wohnzimmer steht!“

Und so gehen wir Baum für Baum durch bis wir uns in langwierigen Verhandlungen mit harten Deals, Angeboten und Gegenangeboten gemeinschaftlich zu einem Baum durchgerungen haben. Dieser eine Baum, der uns beide nicht unbedingt glücklich macht. Aber den jeweils anderen auch nicht besonders unglücklich. So ein Baum halt. Nicht besonders schön. Aber auch nicht besonders hässlich. Halt so… mittelgroß. Und so… mittelgrün. Und so… mitteldicht. Mittelalles irgendwie. So wie wir. Und da passt er gut dazu, unser Kompromissbaum. Bei Weihnachten geht es eben nicht um absolute Perfektion, sondern um den perfekten Kompromiss – und der ist das wahre Wunder von Mittelweihnachten!

Erschienen in den Oberösterreichischen Nachrichten

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